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Einsamkeit - Ein Thema für die Kirche?

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Ein Onlinedossier von Magdalena Rössert

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Wie ist das, einsam zu sein?

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"Ich nehme am Leben nur teilweise teil und das zu merken tut weh“, erzählt Timo Heilig. Der 43-Jährige spricht sehr offen über das Auf und Ab seines Lebens. Er ist 1,75 Meter groß, wiegt 65 Kilo. Er hat ein markantes Gesicht, trägt eine Brille mit großem Rand und lächelt leicht. Timo lebt in einer Ein-Zimmer-Einliegerwohnung in seinem Elternhaus. Arbeiten kann er aufgrund seiner psychischen Erkrankungen im Moment nicht. Er kann seine Gefühle gut in Worte fassen – so gut, dass mir seine Geschichte unter die Haut geht:

Der siebenjährige Timo erlebte einen Schicksalsschlag - einen, der sein Leben prägt. Seine Mutter wurde bei einem Routineeingriff zum Pflegefall. Ein Rechtsstreit folgte und kostete die Familie Nerven, Geld und Zeit. In diesen Jahren war Timo häufig bei ihr im Krankenhaus. Er erinnert sich an seinen achten Geburtstag dort: umgeben von Ärzten und surrenden Maschinen. In der Zeit, als sie im Krankenhaus behandelt wurde, lebte Timo als Pflegekind bei seiner Tante. Die Wochenenden verbrachte er bei seinem Vater oder eben im Krankenhaus.


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Nach dem Krankenhausaufenthalt pflegten Timo und sein Vater die Mutter zu Hause. Es blieb nicht viel Zeit für Freizeitaktivitäten. „Ich hatte viel Spielzeug, aber wenige Spielkameraden“, erinnert sich Timo. Noch vor seiner Geburt haben seine Eltern ihre Tochter mit acht Jahren bei einem Autounfall verloren. Das führte auch dazu, dass Timo zu Hause der Prinz war, wie er es selbst beschreibt. Dennoch erfuhr er außerhalb seiner Familie nicht viel Anerkennung, ein stabiles soziales Umfeld fehlte. Die Belastung durch die Situation spiegelte sich in seinem Essverhalten: Timo wurde übergewichtig und die Zielscheibe von Mobbing in der Schule. Den Schulabschluss schaffte er auch beim zweiten Anlauf nicht. Sein Selbstwertgefühl war im Keller, und auch heute gehören Selbstzweifel zu Timo dazu, genau wie das Gefühl der Einsamkeit:

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Sich das Problem bewusst zu machen, habe ihn viel Überwindung gekostet. Dabei begleitet ihn das Gefühl der Einsamkeit beinahe sein gesamtes Leben. Akut wurde es in einer Zeit, in der viele Jugendliche mit sich selber im Unreinen sind:

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Zu dieser Zeit merkte Timo, dass es hilft, sich mitzuteilen. Seit seiner Jugend besucht er deshalb Beratungsstellen und Ärzte. Seine psychischen Erkrankungen, wie zum Beispiel Depressionen und Waschzwang, wurden und werden dort behandelt. Er macht bis heute viel Sport und normalisierte dadurch sein Gewicht. Doch das Gefühl der Einsamkeit zu therapieren ist schwierig. Vielmehr hat Timo gelernt, damit zu leben:

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Nie ganz weg ist auch die Belastung durch die Krankheit seiner Mutter. Im Jahr 2017 kämpfte sie um ihr Leben, während Timo in diesem Jahr erneut von dem seinen enttäuscht wurde: Seine damalige Freundin verließ ihn. Mit jedem Rückschlag werde es schwerer, sich zu öffnen, erklärt er. Die Hoffnung nehme ab und die Selbstzweifel zu. Rückschläge habe er viele erlebt. Dazu gehören schlechte Erfahrungen beim Onlinedating, die Abweisung von Frauen im echten Leben und Brüche in Freundschaften. Der Weltschmerz käme dazu. Sieht er in den Nachrichten leidende Menschen oder gar Kinder, fühlt er stark mit ihnen mit. Diese Empathie lässt seinen Lebensmut noch schwächer werden.
2017 kam seine Mutter ins Pflegeheim, dort besucht Timo sie auch heute beinahe täglich. „Ich habe eine sehr enge Beziehung zu meinen Eltern. Vermutlich enger als die meisten Menschen, besonders in meinem Alter“, reflektiert er. In seinem Alltag besucht er seine Mutter und führt den Hund seiner Tante aus. Sein größter Ausgleich ist das Nordic Walking.

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Das Gefühl der Einsamkeit in Kirche und Gesellschaft

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"Das Gefühl von Einsamkeit gehört zum menschlichen Leben ganz oft zwangsläufig dazu", erklärt Albert Knött, Leiter der Ehe-, Familien- und Lebensberatung der Diözese Würzburg (EFL). Als Auslöser nennt er dafür insbesondere Übergangssituationen im Leben, wie zum Beispiel den Weg in die Rente, einen Umzug in eine neue Stadt oder die Trennung von der Partnerin oder dem Partner. "Schon Kinder fühlen sich oft einsam, wenn sie in eine neue Schulklasse kommen, in der sie niemanden kennen." Wichtig sei es, die Begriffe Einsamkeit und Alleinsein zu unterscheiden.

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Zwischen dem natürlichen Gefühl der Einsamkeit und einer Depression zu unterscheiden, hält Sabine Mehling-Sitter, Gemeindereferentin in der Pfarreiengemeinschaft "Emmaus: Erlach – Frickenhausen – Kaltensondheim – Zeubelried" und Leiterin der Frauenseelsorge im Bistum Würzburg, für relevant. Sie organisiert in ihrer Funktion als Leiterin der Frauenseelsorge beispielsweise Begegnungstage für Alleinerziehende. Als Gemeindereferentin stattet sie zum Beispiel Jubilaren Besuche ab. Dieses breite Aufgabenfeld gewährt ihr umfassende Einblicke.

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Jonas Müller, Leiter des offenen Jugendtreffs  "Katakombe“ in Aschaffenburg, sieht in den vergangenen Jahren das Problem der Einsamkeit besonders bei Jugendlichen:

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Knött ordnet den Anstieg der von Einsamkeit Betroffenen differenziert ein: "Heute wird über manche Themen mehr gesprochen, manche Themen werden mehr wahrgenommen und mehr thematisiert als früher. Das heißt nicht, dass es das Problem nicht da auch schon gab." Er denke dennoch, dass die Nutzung von Handys und sozialen Netzwerken die Zeit beeinflusst, die man mit realen Kontakten verbringt, und so die Einsamkeit gefördert wird. Fakt sei auch, dass die Zahl der Singlehaushalte steige, sagt Knött. Die Zahlen der Pressestelle der Stadt Würzburg bestätigen das: 2011 gab es noch 43.000 Alleinwohnende, während 2020 48.000 gemeldet waren. Doch wer alleine wohnt, muss eben nicht zwangsläufig einsam sein. Knött, Müller und Mehling-Sitter sind sich einig, dass Corona das Problem der Einsamkeit zwar verstärkt, aber nicht initiiert hat. Über Einsamkeit zu sprechen kann für viele Menschen hilfreich sein. Dafür gibt es in Würzburg verschiedene Gesprächsangebote. Mehling-Sitter sieht in der kirchlichen Arbeit aber viel grundlegender das Potential, um Einsamkeit entgegen zu wirken:

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Nach Mehling-Sitter ist eines der Hauptziele aller Angebote, dass sich Menschen treffen, die sich gegenseitig stützen und auf einer Wellenlänge sind. Frühzeitige Anmeldungen, weite Wege und unbekannte Gesichter stellen bei einigen dieser Veranstaltungen Hürden für Interessierte dar. 

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Niederschwelliges Angebot im Bistum

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Will die kirchliche Arbeit Prävention und Entgegenwirken von Einsamkeit als ihr Thema betrachten, sind niederschwellige Angebote gefragt. Ein solches stellt zum Beispiel der offene Jugendtreff „Katakombe“ in Aschaffenburg dar.

Alle Angebote richten sich an Kinder und Jugendliche zwischen sieben und 14 Jahren. Der Jugendtreff beruht auf drei Säulen, erklärt Müller.
Die erste Säule bilden die Kurse und Workshops, die die fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erarbeiten und durchführen. Für Yoga, Töpferkurse und Eseltrekking können sich Kinder und Jugendliche anmelden.
Die zweite Säule ist im August 2020 neu hinzugekommen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bieten an, Kindergeburtstage zu organisieren und zu beaufsichtigen. Diese Serviceleistung unterstützt den Jugendtreff finanziell. Geldgeber ist die Katholische Jugendarbeit (kja).

Das Herzstück der "Katakombe" ist der offene Treff: Dienstags bis Freitags  von 13 bis 18 Uhr stehen die Türen offen. Ohne Anmeldung und ohne Verpflichtungen können die Jugendlichen kommen und gehen, wann sie wollen. "Die Kinder und Jugendlichen können in einem geschützten Raum Leute treffen, der nur für sie da ist", sagt Müller. Besonders wichtig finde er, dass sich die jungen Erwachsenen untereinander austauschen können und nicht unter Beobachtung des Personals stehen. Potential des offenen Treffs sieht Müller insbesondere in der milieuübergreifenden Arbeit: Jugendliche kommen hier miteinander in Kontakt, die nicht auf derselben Schule oder aus dem gleichen Ort kommen, aber dennoch ähnliche Interessen haben.
In den Räumlichkeiten stehen Kicker, Dartscheibe, Brettspiele, Beamer, Computerspiele, Fitness- und Handwerkgeräte zur Verfügung.

Im Bistum Würzburg gibt es zwei weitere offene Jugendtreffs: "Dom@in" in Würzburg und "comma" in Schweinfurt.

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Gesprächsangebote im Bistum Würzburg

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